Der Großinquisitor

Ein Abend nach der Erzählung von Fjodor Dostojewski

Stellen Sie sich vor, Jesus entschließt sich noch einmal die Erde zu betreten und wird erneut zum Tode verurteilt. Der Vorwurf: Er habe die Menschheit zum freien Willen verführt und sie somit hoffnungslos überfordert.


Die Frage nach Wert und Notwendigkeit des freien Willens, mit der sich Fjodor Dostojewski in seiner zeitlosen Phantasie, dem berühmtesten Kapitel aus seinem Roman „Die Brüder Karamasow“ auseinandersetzt, könnte nicht dringlicher sein. Aufgeführt in den beeindruckenden und erstmals bespielten Räumlichkeiten des Schlick-Gebäudes, findet ein tragikomischer Abend entlarvender Gesellschaftskritik seine perfekte Entsprechung: ein Schlachthaus.


Veranstaltungsort: Schlick 29, Steinweg 29, 96450 Coburg


„Der Großinquisitor“ goes Schlick 29
Ein Gespräch mit Thomas Kaschel und Valentin Kleinschmidt über Freiheit, Brexit und einen Amazonasstamm


In Dostojewskis „zeitloser Fantasie“, dem berühmtesten Kapitel aus seinem Roman „Die Brüder Karamasow“, kehrt Jesus zur Zeit der spanischen Inquisition zurück zu den Menschen. Er wird vom greisen Großinquisitor von Sevilla verhaftet. Jesus soll auf den Scheiterhaufen, aber in der Nacht sucht ihn der Großinquisitor in seiner Zelle auf. Das Verhör, dem er ihn unterzieht, ist seltsam: Jesus kommt nicht zu Wort. Valentin Kleinschmidt (Regie) und Thomas Kaschel (Spiel) bringen das Gedankenexperiment des bedeutenden russischen Schriftstellers jetzt im Schlick 29 auf die Bühne.


Lasst uns über Freiheit reden. Was bedeutet sie für euch?


VALENTIN KLEINSCHMIDT: Für mich ist sie das größte Thema mit dem sich ein Mensch im aufgeklärten 21. Jahrhundert beschäftigen kann. Was ich daran heute so interessant finde, ist, dass wir uns in einer Gesellschaft befinden, die einem vorgaukelt, man könnte alles erreichen, man hätte die absolute Freiheit – natürlich im Rahmen der demokratischen Grundordnung. Diese ultimative Freiheit vor Augen ist man die ganze Zeit versucht seine Ziele zu erreichen und letzten Endes nur umso erschütterter, wenn das nicht gelingt. Die Freiheit wird zur Last und das ist ein zentraler Punkt im „Großinquisitor“, der den Text so unglaublich aktuell macht.


THOMAS KASCHEL: Dieses Bild der absoluten Möglichkeiten ist etwas, wonach wir streben sollen, um dann über Ungerechtigkeiten hinwegzusehen, die uns eigentlich komplett in unserer Freiheit beschneiden, wie die Ungleichheiten der Rechte von Männern und Frauen, die Einschränkung der Freiheit von Minderheiten etc. Auch Meinungsfreiheit ist gerade ein wichtiges Thema. Die Grenzen der Meinungsfreiheit werden durch die heutige polemische und populistische Politik immer weiter Zentimeter um Zentimeter nach außen getragen, bis das, wofür du früher noch zu Recht schräg angeschaut wurdest, ein absolut vertretbarer Standpunkt wird.


Da ist man an dem Punkt, der bei Dostojewski ganz zentral ist: Freiheit ist verknüpft mit Verantwortung.


T.K.: Beim „Großinquisitor“ heißt es, dass der Großinquisitor und sein innerer Kreis die Sünden der Gesellschaft auf sich nehmen und diese wenigen die Einzigen in dieser Gesellschaft sind, die nicht glücklich sind, die Einzigen, die nicht frei sind, weil sie das alles managen müssen und die Bürden der Menschen auf sich nehmen.


V.K.: Die Freiheit verführt ja auch, sie verführt, die Freiheit anderer Menschen einzuschränken. Und gerade im „Großinquisitor“ wird das als eine zutiefst menschliche Eigenschaft dargestellt, dass der Mensch, wenn er diese Freiheit hat, früher oder später falsche Entscheidungen mit dieser Freiheit treffen wird. Jesus sagt, hinterfrage alles, um dann die richtige Entscheidung zu treffen.


Was natürlich, auf gesellschaftliche Systeme übertragen, eine funktionierende Bildungspolitik, Meinungsvielfalt, Pressefreiheit etc. voraussetzt.


T.K.: In diesem Kontext muss ich an den Brexit denken, der ja aus meiner Perspektive vorrangig daran gescheitert ist, weil ein Großteil der Menschen, die für den Brexit gestimmt haben, überhaupt nicht wussten, was die EU ist. Diese sogenannten Filterblasen, in denen sich viele Menschen mittlerweile bewegen, entstehen gerade durch einen Mangel an Information und Bildung.


Was hat euch an Dostojewskis Text so fasziniert, dass ihr ihn hier im Schlick 29 auf die Bühne bringt?


T.K.: Das Faszinierende für mich war, dass es beim Lesen einen Punkt gab, wo ich mich dabei ertappt habe, rational mit dem Großinquisitor übereinzustimmen. Dadurch kam ich mit mir in einen inneren Diskurs, denn ich wusste, dass es moralisch falsch ist, was er fordert, aber nichtsdestotrotz rational Sinn macht. Außerdem ist es spannend, einen vermeintlichen Bösewicht zu spielen. Der Großinquisitor selber glaubt, Jesus wäre der Böse und der Verräter der Werte. Am Ende steht man weder auf der einen noch auf der anderen Seite, es gibt kein „entweder – oder“. Man ist angeregt, sich selber Gedanken zu machen und geht mit sehr viel Material aus diesem Abend.


V.K.: Mich interessiert, wie fließend diese Übergänge sind, wem man gerade folgt und wem nicht. Das Ideal von Jesus ist, dass der Mensch aus sich heraus, weil er empathisch und zur Nächstenliebe fähig ist, zwischen Gut und Böse entscheiden kann. Diese Fähigkeit unterscheidet den Menschen vom Tier und es wäre ein großer Fehler, das zu ignorieren. Gerade wir, die wir aus einer vermeintlich aufgeklärten Gesellschaft kommen, wo wir für uns in Anspruch nehmen dem Weg der Nächstenliebe zu folgen, ertappen uns dabei, dass es so einfach nicht ist und dass man ein Stück weit dem Teufel in die Arme gelaufen ist.


Welche beiden Kontrahenten würde Dostojewski heute konfrontieren?


T.K.: Ich glaube, er würde immer noch die Beiden nehmen, weil sie so universell anwendbar sind.


V.K.: Wenn man konkrete Menschen für diese Konfrontation wählt, kann man dem Ideal, das Jesus verkörpert, schon nicht mehr entsprechen. Und auch der Großinquisitor verkörpert ja ein Ideal, das eigentlich nicht erreichbar ist. Man kann versuchen, Beispiele für die zwei in einem geschlossenen System zu finden.


T.K.: Da wäre Jesus auf jeden Fall irgendein noch nicht entdeckter Amazonasstamm, der seit Jahrtausenden sein Leben führt, aber glücklich und absolut unberührt vom Kapitalismus …


Noch ein Wort zu eurem Spielort …


T.K.: Fantastisch!


V.K.: Ein Glücksfall. „Der Großinquisitor“ in einem Schlachthaus, da spielt der Raum schon so viel mit und verdeutlicht den Gehalt der Geschichte.


Das Gespräch führte Schauspieldramaturgin Carola von Gradulewski.

Besetzung

Inszenierung Valentin Kleinschmidt 
Bühne und Kostüme Ines Bartl

Mit
Thomas Kaschel

Presse

„Das Verhör des zurückgekehrten Erlösers – Valentin Kleinschmidts Regie zeigt es als eine zynische Quizshow, in der der Regisseur selber als Jesus mit Dornenkrone agiert: ohne Chance, den Preis zu gewinnen. Jesus Christus, der Erlöser – auch in dieser Lesart erscheint er zunächst ganz einfach als Störenfried, der mit seinen Wundern das Geschäft der Kirche gefährdet. Die Anklage klingt paradox und ist doch bitter ernst gemeint. Jesus habe mit seinem Handeln die Menschheit zum freien Willen und zum freien Handeln verführt und damit von Grund auf überfordert.“
Coburger Tageblatt, 08. April 2019

„Thomas Kaschel zieht als Referent alle Register seines darstellerischen und sprachlichen Könnens: Er umgarnt seine Zuhörer, weist sie zurecht, argumentiert mit schneidender Kälte: Jesus überfordere die Menschen mit seinem Freiheitsbegriff, wirke nur für ein paar Auserwählte. Die Kirche jedoch kümmere sich um alle, denn der Mensch fürchte die Freiheit, sie sei für ihn unerträglich. [...] Nach 90 Minuten intensivsten Schauspielertheaters applaudiert das Publikum begeistert und bedankt sich so für eine unter die Haut und ins Hirn gehende Interpretation eines Textes, der nichts von seiner entlarvenden Aktualität eingebüßt hat.“
Neue Presse, 08. April 2019

Fotoslider (c) Simon Geistlinger